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Vom Volk zum Menschen

Menschheitsgeschichte im Lichte des Matthäus-Evangeliums

Rudolf Steiner

12 Voordrachten (ook opgenomen in GA 123)

Voorwoord van Pietro Archiati:

Im Brennpunkt des Matthäus-Evangeliums steht der
Mensch Jesus von Nazareth, der bei der Taufe im Jordan
zum Träger des Christus-Geistes wurde. Aus seiner geisteswissenschaftlichen
Forschung weiß Rudolf Steiner, dass
dieser Jesus der wiederverkörperte Zarathustra (oder Zoroaster)
war, der Jahrtausende vor unserer Zeitrechnung die
alte persische Kultur begründet hatte.
Diese persische Kultur war die erste, die das Arbeiten
auf der Erde als notwendig für die Entwicklung des Menschen
erlebte. Die ihr vorangegangene indische Kultur
konnte noch nicht die sinnliche Welt würdigen. Für sie
war die Welt der Materie nur Maja, die große Täuschung.
Der Mensch war damals bestrebt, sich von der sinnlichen
Welt zu befreien, um in seine geistige Heimat zurückzukehren.
Die indische Weltflucht und die persische Weltbejahung
werden am Anfang der Bibel in den zwei Brüdern Abel
und Kain dargestellt. Abel bleibt verbunden mit der Welt
des Geistes, er nimmt alle Gaben der Natur aus den Händen
der Gottheit entgegen. Kain hingegen ist der Mensch,
der den Acker bestellt und der Erde die Früchte seiner eigenen
Arbeit abgewinnt. In der Abel-Strömung hat die Natur,
in der Kain-Strömung die Kultur die führende Rolle. Der
Abel-Mensch erlebt sich noch nicht als freies Ich-Wesen,
der Kain-Mensch strebt gerade dieses an: als individueller
Geist am Widerstand aller Erdenkräfte immer stärker,
schöpferischer zu werden.
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Einige Jahrhunderte vor unserer Zeitrechnung äußert
sich der Abel-Geist in dem Buddha und der Kain-Geist in
dem wiederverkörperten Zarathustra. Dieser ist als Zarathas
(oder Nazarathos) zur Zeit der babylonischen Gefangenschaft
in Chaldäa verkörpert und wird zum Lehrer der
führenden Geister des Judentums. Seine Nachfolger wissen
um seine Geburt im jüdischen Volk fünf bis sechs Jahrhunderte
später. Sie kommen als Magier-Könige aus dem Morgenland,
um ihrem Geist-Stern die Gaben entgegenzubringen,
die sie einst von ihm empfangen haben.
In den Evangelien werden diese zwei Urströmungen
der Menschheit in den zwei Jesusknaben wirksam, die im
Lukas- und im Matthäus-Evangelium geschildert werden.
Das Lukas-Kind trägt alle menschlichen Kräfte in sich, die
paradiesisch-unschuldig geblieben sind. In ihm äußert sich
die Natur des Menschen so, wie sie vor dem Sündenfall
war. Im Matthäus-Kind leuchtet hingegen alle irdische Erfahrung
auf, die der Mensch Zarathustra durch wiederholte
Verkörperung auf der Erde sammeln durfte. Im zwölften
Lebensjahr vereinigt sich dann der Geist des Zarathustra
mit der reinen Seele des lukanischen Jesusknaben.
Nicht nur die urpersische Kultur durfte Zarathustra begründen.
Auch die darauf folgende ägyptisch-chaldäische
Kultur und die hebräische Religion gehen auf ihn zurück.
Dem ägyptischen Hermes gab Zarathustra seinen Astralleib,
seinen «Raumleib». Er überlieferte ihm alle Weisheit,
die sich auf den Raum bezieht. Dem hebräischen
Moses gab er seinen Ätherleib, seinen «Zeitleib». Er eröffnete
ihm die Geheimnisse der Entwicklung in der Zeit,
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so wie wir sie im 1. Buch Mose, in der Genesis, dargestellt
finden.
Um auch den physischen Menschenleib für die Menschwerdung
des Sonnengeistes geeignet zu machen, musste
sich Zarathustra im Strom des hebräischen Volkes verkörpern,
er musste eine Abraham-Leiblichkeit auf sich nehmen.
Denn Abraham war der erste Mensch, der ein derart
strukturiertes Gehirn hatte, mit dem er logisch-diskursiv
denken konnte. Nur ein solches Gehirn kam für die Verkörperung
des Logos in Frage.
Um zu verdeutlichen, dass die besondere Art von Leib
und Blut, die im jüdischen Volk zutage getreten war, zum
Werkzeug für das reine Denken und für die erfinderische
Liebe werden sollte, wozu jeder Mensch im Laufe seiner
Entwicklung berufen ist, wurde Abraham mit dem Sonneneingeweihten
Melchisedek zusammengeführt. In dieser Begegnung
erkennt Abraham in Melchisedek den über ihm
Stehenden an. Von ihm empfängt er die Gaben Brot und
Wein, die Frucht der Sonnenwirksamkeit auf der Erde.
Durch Melchisedek lernt Abraham: Auch was das Volk –
das Blut – gibt, gehört jener göttlichen Weisheit an, die
der menschlichen Liebe, der individuellen Freiheit in jedem
Menschen dienen soll. Sinn und Ziel aller Natur ist
die menschliche Kultur, Sinn und Ziel jeder Kultur, jedes
Volkes, ist der individuelle Menschengeist.
Die zwei erwähnten Hauptströmungen in der Entwicklung
der Menschheit stehen zueinander wie Weisheit
und Liebe. Der Mensch entwickelt sich innerlich durch
die Verwandlung einer Welt der Weisheit – der Welt der
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Naturnotwendigkeit – in eine Welt der Liebe, in eine Welt
der menschlichen Freiheit. Die höchste Weisheit ist die
Weisheit der Liebe. Weise ist alles, was der Liebe dient.
Die Strömung der Weisheit wird durch die Bodhisattwas
kulturprägend, die nacheinander zum Buddha werden.
In dieser Strömung lebt auch der Nachfolger des Gautama
Buddha, Jeshu ben Pandira, dessen Weisheit die Quelle des
Matthäus-Evangeliums darstellt. Alle Bodhisattwas empfangen
ihre Weisheit, die Lehre, die sie den Menschen zu geben
haben, vom Sonnengeist selbst, vom Geist voller Liebe, der
seit der Trennung der Erde von der Sonne daran wirkt, die
Erde in eine Sonne und alle Erdenkinder in Sonnen kinder
zu verwandeln.
Das Wesentliche der Liebe ist die Freiheit, denn ohne
Freiheit ist Liebe nicht möglich. Andrerseits ist Freiheit ohne
Liebe nicht wahre Freiheit, sondern trennender, lähmender
Egoismus. Freiheit und Liebe werden beide im Begriff
des Ich zusammengefasst. Ein «Ich» zu sein heißt, in Freiheit
zu denken und aus Liebe zu handeln.
In der ersten Hälfte der Entwicklung hatte der Mensch
noch nicht die Fähigkeit, als ein Ich zu leben, er konnte
noch nicht in Freiheit und Liebe tätig sein. Damals war
die Strömung der Weisheit, die Strömung der Bodhisattwas
führend. Erst durch die Menschwerdung des Sonnengeistes,
des Wesens aller Ich-Kräfte, ist es jedem Menschen
möglich geworden, zunehmend aus dem Ich heraus zu denken
und zu handeln. Die Menschen, die vor der Zeitenwende
die Buddha-Offenbarung empfangen haben, sind dieselben,
die danach die Wirksamkeit des Christus erleben
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dürfen. Es sind immer dieselben Menschen, alle Menschen,
die die einzelnen Entwicklungsstufen durchlaufen.
Jene Weisheit ist die tiefere, die die Liebe tiefer versteht.
Liebe ist aber mehr als Weisheit, sie ist nicht reine
Theorie oder Lehre, sondern eine wirksame Kraft. Die Liebe
ist das Schöpferische in der Welt, weil die Welt aus der
göttlichen Liebe geschaffen worden ist. Im Ebenbild der
Gottheit ist der Mensch selbst aus der Sub stanz der Liebe
geschaffen. Er kann nur in der Liebe die Erfüllung seines
Wesens erlangen.
Dieselbe Beziehung, die zwischen Weisheit und Liebe
besteht, zeigt sich in der Beziehung zwischen den Worten
und den Taten des Christus. In den Worten des Sonnengeistes
wird die Weisheit der Liebe zur Sprache gebracht,
in seinen Taten zeigt sich die heilende Kraft der Liebe
selbst. So ist es müßig, alle Weisheit, die in den Evangelien
enthalten ist, in der vorangegangenen östlichen Offenbarung
finden zu wollen. Manche haben zum Beispiel die
Sätze der Seligpreisungen so angesehen, als ob Matthäus
sie von älteren Urkunden nur übernommen hätte. Aber derselbe
Satz kann, zu verschiedenen Zeiten und von verschiedenen
Wesen geäußert, eine ganz andere Bedeutung bekommen.
Das Was ist wichtig, wichtiger noch ist das Wie.
Nehmen wir an, es gab schon in älteren Schriften den
Satz: Selig sind die Armen im Geist, denn sie werden das
Himmelreich finden. Das Wie war in alten Zeiten so, dass
die göttliche Gnade für den inneren Reichtum des Menschen
sorgte. Ein solcher Satz bekommt aber von dem
Christus gesprochen – auf die Ich-Werdung des Menschen
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bezogen – eine ganz andere Bedeutung: Selig sind diejenigen,
die keine göttliche Offenbarung von außen mehr empfangen,
denn nur sie können aus sich selbst heraus, aus der
Kraft des Ich heraus, die Wirklichkeit des Geistes wiederfinden.
Ein Ähnliches gilt in Bezug auf die Frage, ob der achtgliedrige
Pfad des Buddhas heute noch Gültigkeit hat. Der
Mensch muss auch heute nach der richtigen Meinung,
nach dem richtigen Urteil, nach dem richtigen Wort, nach
der richtigen Tat, nach der richtigen Lage und so weiter
streben. Aber die Entwicklungsbedingungen sind heute
ganz andere, und die Befolgung dieser Anweisungen des
Buddhas kann nur auf eine ganz neue Weise geschehen.
Zum Beispiel bedeutete das Streben nach der «richtigen
Lage» im Leben damals, sich dem Karma zu fügen. Heute
muss der Mensch darum ringen, als freies Ich seine Begabung
und seine Aufgabe im Organismus der Menschheit
zu finden.
So kann man auch die Frage beantworten, ob die Zehn
Gebote des Moses heute noch Gültigkeit haben. Ohne
Zweifel darf der Mensch auch heute nicht stehlen und nicht
töten, um nur zwei Beispiele zu erwähnen. Nur hat heute
sowohl das Töten wie auch das Stehlen tausenderlei neue
Formen angenommen. In der Debatte über die Präimplantationsdiagnostik
zum Beispiel gibt es Menschen, für die das
Vernichten eines krankheitsanfälligen Embryos Tötung ist.
Was für die Worte des Christus gilt, gilt umso mehr für
seine Taten. Die sogenannten Wunder, die Heilungen, von
denen die Evangelien erzählen, stellen als solche nichts
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Besonderes dar. Es gab zu jener Zeit zahlreiche Wundertäter
und Heiler. Wichtig ist bei dem Christus die ganz neue
Art und Weise, wie er heilt. Dies geschieht aus dem Ich
heraus, durch Verstärkung der Ich-Kräfte im kranken Menschen.
Es handelt sich um eine Hilfe zur Selbstheilung, die
es vorher nicht geben konnte.
Genau genommen kann kein Mensch einen anderen
heilen. Selbst der heutige Arzt kann nur eine Hilfe für
eine Heilung leisten, die der Kranke nur selbst vollbringen
kann. Jede Krankheit wird vom höheren Ich des Menschen
gewollt, um durch das Ringen mit ihr, durch ihre Überwindung
stärker zu werden. Wenn man einem Patienten eine
Krankheit nimmt, ohne dass dieser die innere Entwicklung
durchgemacht hat, die sich sein Geist aus dem Ringen mit
ihr versprochen hatte, so wird dieser dazu gezwungen, sich
eine andere Krankheit zu suchen.
Für eine Aussage ist nicht nur das Wie wichtig, sondern
auch das Wann. Das Matthäus-Evangelium enthält einen
wichtigen Satz (10,34), der heißt: «Ich bin nicht auf die Erde
gekommen, um den Frieden wegzuwerfen, sondern um
von der Erde wegzuwerfen das Schwert!» (12. Vortrag).
In der Luther-Übersetzung heißt es umgekehrt: «Ihr sollt
nicht meinen, daß ich gekommen bin, Frieden zu bringen
auf die Erde. Ich bin nicht gekommen, Frieden zu bringen,
sondern das Schwert.» Beides ist richtig, wenn es zur richtigen
Zeit geschieht, beides ist falsch, wenn es zur falschen
Zeit angestrebt wird.
Es gibt eine erste Form des «Friedens», des harmonischen
Lebens in Gemeinschaft, die der Freiheit des Ich
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vorangeht. Es ist der Friede des Kindes, das noch nicht die
Fähigkeit hat, als ein gesondertes, selbstständiges Wesen
zu leben. Das ist die eine Einseitigkeit. Diesem Frieden
gegenüber ist der Christus gekommen, um das «Schwert»
zu bringen. Jeder Mensch muss jede Fremdbestimmung zurückweisen,
um zu einem freien Ich zu werden. Die Stufe
der Pubertät, des Gegeneinander kann keinem Menschen
erspart bleiben.
Heute ist jeder Mensch in vieler Hinsicht in einer Phase
der Entwicklung, in der das Schwert des Egoismus die andere
Einseitigkeit hervorgebracht hat. Das ist der Zustand
des Sündenfalls, dem gegenüber die Aussage des Christus
heißen soll: Ich bin gekommen, um den Frieden zu bringen.
Das ist der Friede, der nach dem Schwert, nach der Sonderung
erlebt wird und der deshalb eine höhere Form des
Friedens, des Miteinander und des Füreinander, herbeiführen
kann. Für jeden Menschen gibt es Bereiche, in denen
er noch nicht selbstständig genug geworden ist; für jeden
gibt es genug Egoistisches, das durch Befriedung überwunden
werden soll.
Am Anfang der Entwicklung herrschte ein Friede ohne
Ichheit, ohne individuelle Freiheit und Liebe. In der Mitte
waltet das Schwert, das Wesen von Wesen trennt – die erste
Stufe der Freiheit, die Selbstliebe ohne Nächstenliebe. Am
Ende soll der höhere Friede walten, in dem sich jedes Ich
und jedes Wir gegenseitig fördern. Pietro Archiati
im Winter 2010.

 

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