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Die Weltreligionen

Wege des Menschen zu sich selbst

Pietro Archiati

[Archiati Verlag, 3e oplage, 2009]

Vorwort
Die Geschichte des Menschen lässt sich vielleicht am besten
anhand der Entwicklung seiner Religionen erzählen.
Das habe ich hier versucht, indem ich einigen von den
unzähligen Wegen nachgegangen bin, die in einer langen
Menschheitsentwicklung zurückgelegt worden sind.
Das Wort «Zeitenwende» kommt besonders häufig vor
und bedarf vielleicht einer Erklärung. Die Deutung der
Entwicklung in ihrer Ganzheit, soll sie nicht allzu abstrakt
werden, sucht ihre Bewahrheitung in der Welt der Wahrnehmung.
Dies erklärt den häufigen Bezug auf die allen
wahrnehmbare Entwicklung im Kleinen, auf den Lebenslauf
des Menschen. Das Leben teilt sich deutlich in zwei
Hälften, von denen die zweite in vielerlei Hinsicht die Umkehr,
die «Wende» der ersten darstellt: In der Kindheit und
der Jugend nimmt der Mensch die ganze Welt für sich in
Anspruch, alles soll seiner Ausbildung dienen. In der Mitte
des Lebens kehrt sich das um, er kann alles in die Welt
zurückfließen lassen, was er an Fähigkeiten erworben hat.
Auch die Entwicklung insgesamt geht so vor sich, dass
eine anfängliche Führung von außen – durch die Gottheit
oder die Natur, durch die Vererbung oder die Umwelt –
sich zunehmend in eine Führung von innen umkehren
kann, in der die freie Verantwortung des Einzelnen die
führende Rolle übernimmt. Und der andere Kerngedanke
dieses Buches ist: Dass jeder Mensch heute zu dieser inneren
Umkehr fähig ist, dass er alle dazu nötigen Kräfte
in sich trägt, verdankt er der Führung geistiger Erzieher
der Menschheit. Kein blindes oder zufälliges Wirken von
Naturkräften kann von allein dem Menschen die Veranlagung
zur geistigen Selbständigkeit geben. Das können nur
liebende göttliche Wesen tun, die der sie vereinenden Führung
eines Wesens folgen, das mit ihnen zusammen die
zunehmende Selbständigkeit ihres Zöglings – des Menschen
– und dadurch die «Zeitenwende» aller Entwicklung
möglich macht.
Das fünfte Kapitel erzählt von diesem großen Erzieher
aller Menschen und von seinem Wirken. Die Stellungnahme
ihm gegenüber kann nur Sache jedes Individuums sein,
zumal diesen Ausführungen die Überzeugung des Autors
zugrunde liegt, dass eine solche individuelle Stellungnahme
zum Wichtigsten in der Entwicklung des Einzelnen gehört.
Sie kann ihm unmöglich leicht fallen, wenn er den Anspruch
erhebt, nicht nur zu glauben, sondern auch denkend
zu erkennen, nicht nur zu erkennen, sondern auch das ganze
Leben danach zu gestalten. Die Tatsache, dass dieser Anspruch
nach selbstbewusster Lebensgestaltung heute bei
einer zunehmenden Anzahl von Menschen beobachtet werden
kann, bezeugt die andere Tatsache, dass die Menschheit
sich schon in der zweiten Hälfte ihrer Entwicklung befindet
– nach der «Zeitenwende» –, wo nur die Führung von
innen, das Leben in der Eigenverantwortung, zeit- und
menschengemäß sein kann.
Der gemeinsame Geist der Menschheit wird im Abendland
«Christus» genannt. Das traditionelle Christentum hat
dieses Wort für sich in Anspruch genommen und aus dem
so genannten «Christentum» eine Religion neben anderen
gemacht. Dieses Missverständnis könnte man beseitigen,
wenn man die Fixierung auf das Wort «Christus» – sei es
durch Sympathie oder Antipathie – überwindet und die vom
Wort bezeichnete objektive Wirklichkeit dadurch in den
Vordergrund rückt, dass man dafür eine Vielfalt von Wortbezeichnungen
verwendet.

Ein Wort über Rudolf Steiner schulde ich vielleicht noch

dem Leser. Warum ist mir ausgerechnet seine Geisteswissenschaft
so wichtig? Die Antwort auf diese Frage fällt mir
nicht schwer: Sie ist mir deshalb wichtig, weil ich den
Eindruck habe, dass sie mir in zwei Richtungen keine
Chance lässt: weder in Richtung des sektiererischen Dogmatismus
noch in Richtung des faulen Relativismus. Dies
gilt auch für diejenigen Inhalte seiner geistigen Forschung,
die sich auf die Entwicklung der Religionen beziehen.
Diese Inhalte sind in der modernen Menschheit einzigartig,
und ihre Überzeugungskraft sehe ich in dem gerade erwähnten
Grund: Die verschiedenen Religionen werden
weder scheintolerant zu einem gemeinsamen Weisheitsinhalt
verabstrahiert, noch intolerant oder dogmatisch gegeneinander
ausgespielt. Sie gelten alle als gleich notwendige
Entwicklungsschritte – vergleichbar etwa mit Kindheit,
Jugend, Erwachsenenalter und Reife – im jahrtausendelangen
Werdegang jedes Menschen zum Menschen.
Dass der Verlag am Goetheanum mit dem Archiati
Verlag zusammen diesen Text verfügbar macht, freut
mich ganz besonders. Beiden Verlagen drücke ich meine
Dankbarkeit aus.
Pietro Archiati

Die Weltreligionen

Wege des Menschen zu sich selbst

Pietro Archiati · alles van deze auteur 

€ 12.50