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Der Rabbi und die Rose

Literarische Miniaturen

Johannes Rath

Johannes Rath hatte eine künstlerische Mehrfachbegabung. Sein literarisches Werk stand zeitlebens im Schatten seiner Malerei. Raths eigenwillige und hintergründige Prosastücke ziehen den Leser vom ersten Satz an in ihren Bann. Sie treffen ihn im innersten Punkt, erweckend, beglückend, und werden so zu Lehrstücken der Ich-Erfahrung.

... »Rabbi Lew freute sich an den Rosen, die eben in schönster Blüte standen. Er bewunderte sie, genoss ihren Duft, indem er sich bedächtig hinabbeugte oder von höher oben eine Blüte nahe an sich zog. Er gedachte dabei der Allmacht Gottes, seiner Weisheit und Güte. Er fühlte sich im Einklang mit der Schöpfung, und so preislich erhoben war ihm nicht ganz zu verdenken, dass er Gottes Weisheit mit seiner eigenen um ein Schrittchen zu weit zur Deckung brachte. Da aber geschah etwas Entsetzliches: Er wollte just eine versteckte Schöne, die ihm sonderlich gut gefiel, mit sanften Worten ansprechen, als ihm vor Schreck der Honigseim seiner Worte im Schlunde vertrocknete. Denn vor ihm begann die Rose zu sprechen! Sie sagte nicht viel; sie sagte nur zwei Worte – die aber deutlich und klar!
Sie sagte: ›Kleiner Dummer!‹


Der Rabbi erstarrte. Nicht dass die Rose sprach, nein, bei der Allmacht Gottes war dies gewiss kein Wunder – aber dass sie so sprach und so zu ihm sprach: das verschlug ihm den Atem. Wie vom Unaussprechbaren gestochen, floh er entsetzt durch ein Hinterpförtchen ins freie Feld. Noch nie hat jemand einen Rabbi so laufen sehen!« ...

(Urachhaus, 2010)

Der Rabbi und die Rose

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